Online-Vortrag: Abwehr in Forschung und klinischer Praxis: ein omnipräsentes, vergessenes Konstrukt

Montag 22. Juni 2026
Zeit
19:00 bis 20:30
Veranstaltungsort
Online
Kosten:

ÖGATAP-Mitglieder: 50,00 EUR
Standard: 65,00 EUR

Abwehrmechanismen zählen zu den zentralen Konzepten psychodynamischer Theorie und Praxis. Sie schützen vor überwältigenden Affekten und inneren Konflikten, strukturieren das psychische Erleben und tragen zur Aufrechterhaltung von Selbst- und Beziehungserfahrungen bei. Als Entwicklungsleistung des Ichs ist Abwehr zunächst als notwendige und adaptive Funktion zu verstehen, auch wenn sie unter bestimmten Bedingungen rigide, dysfunktional oder pathologisch werden kann.

Trotz ihrer klinischen Bedeutung ist das Konstrukt Abwehr in der empirischen Forschung vergleichsweise wenig vertreten. Ein wesentlicher Grund hierfür liegt in der überwiegend unbewussten Natur, die was direkte Beobachtung und Messung erschwert. Im Vortrag soll es daher zum einen um exemplarische Forschungsansätze zur Erfassung von Abwehrprozessen gehen und den Stellenwert des Konzepts Abwehr für Diagnostik, Störungsverständnis und therapeutisches Handeln verdeutlichen.

Klinisch wird unter anderem auf die Unterscheidung zwischen neurotischen und strukturellen Formen der Abwehr eingegangen. Anhand von Fallbeispielen wird aufgezeigt, wie sich Abwehr sowohl als intrapsychischer Regulationsprozess als auch in der therapeutischen Beziehung manifestiert. Abwehr wird dabei nicht nur als individuelles Schutzsystem verstanden, sondern auch als interpersonelles Geschehen, das die therapeutische Arbeit wesentlich prägt und wichtige Hinweise auf die psychische Organisation und Entwicklungsgeschichte von Patient:innen liefert. Und auch die Abwehr von Therapeut:innen und deren Einfluss auf therapeutische Prozesse soll thematisiert werden. Schließlich ist Abwehr nicht nur ein klinisches Phänomen, sondern eine anthropologische Grundkonstante, die den Menschen als solchen auszeichnet.

Prof. Dr. Leonie Kampe: Professorin für klinische Diagnostik an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin. Psychologische Psychotherapeutin im Verfahren Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, außerdem zertifiziert und Ausbilderin in der Übertragungsfokussierten Therapie (Kernberg). Forschungs- und Behandlungsschwerpunkte sind Persönlichkeits- und Bindungsstörungen, Abwehr und pathologischer Narzissmus sowie die Entwicklung und Beforschung diagnostischer Instrumente zu psychodynamischen Konstrukten.


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